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Die griechische Sendung: dorische Tempel im Mittelmeerraum


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Abstract

"Die ersten griechischen Tempel, der dorischen Ordnung angehörend, sind abstrakte Formen aus Stein; es sind Zeichen, die eine noch primitive Baukunst vor den gewaltigen Hintergrund eines Himmels setzte oder in eine Landschaft hineinstellte, um einen Gott einzuschließen. Zweieinhalb Jahrtausende nach diesen Epiphanien fällt es uns schwer, die 'Zeichen von dem pittoresken Rankenwerk, das sie überwuchert, zu befreien. Als Bestandteile des romantischen Museums sind die griechischen Tempel oft für uns kein festgefügtes Denken mehr, auch kein Wille mehr, der in der Form des Steines das Bewußtsein eines Gottes ausdrückt: ein Büschel Blumen in einer Riefelung, ein Krähennest in der Höhle eines Triglyphes, eine Deckplatte, im Gras umgeworfen, all das verdrängt aus unserem Gedächtnis die Wahrheit des Tempels in seiner zeitlosen Form. Unser leidenschaftliches Interesse für Ruinen und deren Landschaften ist stärker als unsere Forderung nach Schönheit; die konkrete Musik der Steine übertönt die abstrakte Musik der Proportionen im wechselnden Licht der Stunden. Es ist, als ob nichts Gemeinsames mehr bestünde zwischen uns und den Griechen, den Erfindern dieser Harmonien, nichts als diese Polarität zwischen Apollo und Dionysos. 'Aber eine kleine Zahl von Männern geht mühevoll und mit dunklen Instrumenten zu jenen Bildern und bewundert das Wesen des in ihnen Dargestellten' (Platon, Phädra), eine kleine Zahl von Photographen, und Serge Moulinier gehört zu ihnen, geht noch hinauf zu den Tempeln mit der Geduld der Schutzflehenden, beseelt vom Willen der Wissenden, in den Ruinen die Strenge einer Ordnung zu entdecken und einen Gott in diesen allzu verführerisch schönen Land schaften zu offenbaren. Seltsam genug, aber es gehört heute eine Willenstat dazu, den Tempel in jener hohen Stunde aufzunehmen, für die ihn seine Orientierung vorbestimmte; um ihn zu offenbaren, so wie, nach dem Willen des Baumeisters und des Priesters, er sich im Lichte der aufgehenden und niedergehenden Sonne offenbaren sollte. Es erfordert Geduld, um zu warten, bis sich der Gott von Stunde zu Stunde offenbart, um seine langsam sich vollziehenden Metamorphosen zu erspähen und ihn, den in der Sonnenglut wilden Gott, plötzlich durch eine Momentaufnahme festzuhalten. Man muß von einem Glauben besessen sein, um es aufzuzeichnen, dieses Sakrament des Schönen, das der Ablauf einer Stunde in der Rinne einer Kannelüre oder auf dem Bauch des Echinos bewirkt. Da, wo kein Bündnis, keine heilige Vermählung möglich schien, zwischen der Ruine, so wie sie sich den Sinnen bietet, mit ihren schwarzen, kreischenden Vögeln, ihren vorbeihuschenden Eidechsen, ihrem vom Wind zersetzten Gestein, und dem Tempel, wie er sich in seiner strengen geometrischen Form aufstellt, geschieht es plötzlich durch die schlichte Einfachheit einer Gestalt - der Amphora, von den Säulen in ihrem Zwischenraum gebildet -, daß sich der Himmel in seinem Verhältnis zur Erde offenbart, daß der Horizont mit jener goldenen Höhe übereinstimmt, wo Himmel und Erde sich miteinander in Frieden verbinden. Das Orakel des Schönen ereignet sich. Jede Photographie in diesem Werk - und hier rechtfertigt das Wort seine griechische Wurzel: Schrift mittels des Lichtes - ist ein solches Orakel; sie wurde so aufgenommen, daß Licht und Schatten den Gott offenbaren, der diese Steine beseelt. Die subtilen Korrekturen, mit denen der Architekt den optischen Täuschungen entgegenwirkt, wurden diesmal nicht inmitten einer Landschaft von Sizilien oder Griechenland, sondern innerhalb eines Buches vollzogen. Das Werk wollte deshalb nicht das Buch der Ruinen des Tempels sein, um zu versuchen, mittels der strengen Sprache der Bilder und des Helldunkels der Texte der Weisheit eine griechische Ordnung der Dinge wiederzufinden, die als Symmetria Gegenstand von so viel Liebe war, jenem Logos des Leides und der Freude, dessen Propheten sowohl Iktinos und die anonymen Baumeister von Poseidonia waren als auch Xenophanes, Herakleitos, Parmenides und Empedokles." On front and back flap of dust jacket.

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    Wiesbaden: Rheinische Verlags-Anstalt, [1961]


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